Schätzte Microsoft das Internet wirklich falsch ein?

By Wolfgang Keller
Originally written 2020-03-05
Last modified 2020-03-15

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MSN

Originally written 2020-03-05

Dass Microsoft nicht an das Internet glaubte, ist ein Mythos, der nach meiner Meinung gezielt von Microsoft-Feinden (in den 90er-Jahren war es ja förmlich en vogue, böse Witze über Microsoft zu machen :-) ) in Umlauf gesetzt wurde.

Microsoft erkannte sehr früh die potentielle Bedeutung des Internets im Business-Bereich. Das lässt sich sehr gut daran erkennen, dass sie bereits 1992 das Winsock-Interface (Winsock – Wikipedia [visited 2020-03-04T23:02:31Z]) standardisierten, über das Windows-Anwendungen auf Netzwerkdienste, insbesondere TCP/IP zugreifen konnten. Zunächst lieferte Microsoft keine eigene Implementierung, sondern überließ diesen Markt Drittherstellern. Die wahrscheinlich bekannteste nicht von Microsoft stammende Implementierung von Winsock war Trumpet Winsock (Tattam Software Enterprises [2020-03-04T23:03:50Z]). Mit Windows 95 lieferte Microsoft eine eigene Implementierung von Winsock aus, welche allerdings durch eine Implementierung von anderen Herstellern ersetzt werden konnte (AOL und in geringerem Maße T-Online machten hiervon Gebrauch, um über diese Anbieter auch auf das Internet jenseits ihres eigenen Online-Dienstes zugreifen zu können).

Was allerdings in der Tat stimmt, ist, dass Microsoft (zunächst) nicht daran glaubte, dass das Internet im Privatkundenbereich eine signifikante Bedeutung erlangen würde. Der Fairness halber sei allerdings angemerkt, dass zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht klar erkennbar war, welcher oder ob einer der Online-Dienste (die damals als deutlich wahrscheinlichere Alternative zum Internet im Privatkundenbereich gesehen wurden) sich im Privatkundenbereich etablieren würde. Online-Dienste waren in den 90er-Jahren ziemlich im Wachstum; ich sage nur AOL, Compuserve und T-Online (das ursprüngliche T-Online!).

Daher versuchte Microsoft für den Privatkundenbereich einen eigenen Online-Dienst namens „The Microsoft Network“ (MSN) aufzubauen. Hier zwei Wikipedia-Zitate zu diesem Thema:

„Anfangs wurde das ‚Microsoft Network‘ als reiner Internetdienstanbieter am 24. August 1995 gegründet, um den Benutzern des neu auf den Markt gekommenen Windows 95 einen einfachen Einstieg in das Internet zu ermöglichen. Schon zu Anfang war dieser Dienst also mit dem Windows-Betriebssystem von Microsoft gekoppelt. Der Begriff ‚Internet‘ bezog sich damals noch nicht auf ein universelles Netzwerk, das praktisch alle verfügbaren Internetdiensteanbieter mit praktisch allen Nutzern verband. Es bezog sich bei MSN auf die eigene Onlineplattform, die Inhalte alternativ zum offenen Internet bereitstellte. Hauptkonkurrent war zu dieser Zeit das ebenfalls proprietäre Netzwerk von AOL, was in den USA auch Bedenken von Kartellbehörden hervor rief.“

„The concept for MSN was created by the Advanced Technology Group at Microsoft, headed by Nathan Myhrvold. MSN was originally conceived as a subscription-based dial-up online service and proprietary content provider like America Online or CompuServe. Then officially known as 'The Microsoft Network', version 1.0 of the service launched along with Windows 95 on August 24, 1995.

The Microsoft Network was originally presented through an artificial folder-like graphical user interface integrated into the Windows Explorer file management program, with a home page named 'MSN Central'. Categories on MSN appeared like folders in the file system. The interface was designed by Clement Mok and employed high color graphics.“

Schätzte Microsoft das Internet wirklich falsch ein?

Originally written 2020-03-05

Klassischerweise wird die im vorherigen Absatz dargelegte Geschichte gern in das Narrativ „Microsoft war zu dumm, um in den 90er-Jahren das Potential des Internets (zumindest für den Privatkundenbereich) zu erkennen“ eingeordnet - ein wunderschönes Narrativ, das dem Leser die Möglichkeit gibt, sich so viel intelligenter zu fühlen als die damaligen Entscheidungsträger bei Microsoft (Narzissmus lässt grüßen!).

Doch wenden wir mal den Blick von Microsoft ab: Wer die letzten 10 Jahre gelegentlich mal eine Zeitung gelesen hat, dem müsste doch klargeworden sein, dass das Internet gewissen mächtigen Kreisen ein massiver Dorn im Auge ist (Gründe zu finden, warum dies so sein könnte, überlasse ich dem Leser als Übungsaufgabe). Das ist doch der zentrale Grund, warum doch immer wieder irgendwelche Gesetzesvorschläge wie Klarnamenspflicht, Verbot von Anonymisierungsdiensten, Kampf gegen „Fake News“, … aktiv aufs politische Tapet gehievt werden und durch Beiträge in den Medien gezielt die Botschaft forciert wird, das Internet sei schädlich, rechtsfreier Raum, ein Ort des Terrorismus, …

Unter anderem dies liefert doch starken Anlass zur Hypothese, dass die massive Verbreitung des Internets in der Masse (an Privatkunden) nie so geplant war und besagter massiver Verbreitungsanstieg (besonders in den 90er- und 00er-Jahren) aus Seiten gewisser mächtiger Kreise als „Unfall“ betrachtet wird.

Ist es wirklich so unplausibel, dass führende Manager bei Microsoft durchaus Wissen darüber hatten, in welche Richtung die Technologie in Sachen „weltweite Vernetzung“ eigentlich gelenkt werden sollte und den Unternehmenskurs von Microsoft danach ausrichteten (und sei es auch nur aus dem banalen Grund, weil dies großen Umsatz und Gewinn für Microsoft verhieß)? Ich denke nicht.

Sollte also die „Verschwörungstheorie“ stimmen, dass die massive Verbreitung des Internets im Privatkundenbereich ein „Unfall“ war, so erscheint die „Microsoft-Geschichte“ plötzlich in einem vollkommen anderen Licht - genauso wie viele andere Fehleinschätzungen der zukünftigen Bedeutung des Internets besonders in den 90er-Jahren. Dies würde auch erklären, warum Microsoft exakt so handelte, wie sie es taten, nämlich dass sie zum einen für Business-Zwecke/-Kunden sehr früh eine Unterstüztung von TCP/IP in Windows zur Verfügung stellten, für Privatkunden jedoch ein komplett anderes Angebot (besagtes MSN) entwickelten.

Das World Wide Web als „Killerwendung“ des Internets für Privatkunden

Originally written 2020-03-15

Bleiben wir noch ein wenig bei der Frage, ob Microsoft wirklich etwas übersah.

Was war das Internet Ende der 80er-Jahre: Vor allem

Kurzum: Es gab hier schlicht keine „Killerwendung“, welche für die Masse an Privatkunden wirklich von Interesse war.

Auf Basis dieser Evidenz schätze Microsoft die zukünftige Bedeutung des Internets sehr realistisch ein: Für Geschäftskunden und wissenschaftliche Zwecke wird es sicherlich seine Anwendungen finden, aber im Privatkundenbereich werden sich allenfalls ein paar „Nerds“ dafür interessieren.

Und dann kam das World Wide Web als „Killerwendung“ des Internets für Privatkunden …

Verschlief Microsoft diesen Trend oder kamen da ein paar Zufälle zu viel zusammen?

Menschen, die argumentieren, das World Wide Web sei aus technologischer Sicht äußerst innovativ gewesen, mangelt es an Wissen über die Technologiegeschichte: Es gab schon lange vorher viele Implementierungen von Hypertextsystemen; die englische Wikipedia listet zahlreiche auf: Timeline of hypertext technology - Wikipedia [visited 2020-03-15T19:05:21Z]. Wer also ein wenig über Informatikgeschichte Bescheid wusste, der konnte schon damals absehen, dass Hypertextsysteme „irgendwann kommen würden“; die einzigen Fragen waren „wann? und „in welcher Form?“ - also technisch innovativ war am World Wide Web eher wenig.

Somit kann man sehr plausibel argumentieren, dass die Verbreitung des Internets im Privatkundenbereich in der Tat auf eine Kette von Zufällen zurückgeht: Eine Implementierung eines an sich eher wenigen innovativen Hypertextsystems, welches zur Kommunikation zwischen Wissenschaftlern entwickelt wurde, (World Wide Web) begeistert Massen an Privatanwendern, was dazu führt, dass eine Vernetzungstechnologie, die für den wissenschaftlichen Bereich entwickelt wurde und bei der Anwendungen im Geschäftsbereich absehbar waren, plötzlich auf Interesse bei Massen an Privatanwendern stößt.