Warum man gegenüber Stellenanzeigen ohne Gehaltsangabe skeptisch sein sollte

By Wolfgang Keller
Originally written 2018-06-03
Last modified 2018-11-23

Es ist eine von vielen Arbeitgebern praktizierte Unsitte, in Stellenanzeigen keine Gehaltsangabe zu veröffentlichen. Dabei hat diese Angabe nicht nur eine rein pekuniäre Bedeutung, sondern dient auch als klarer Hinweis, wie hoch das Qualifikationsniveau ist, welches der Arbeitgeber von Bewerbern auf diese Stelle verlangt. Dieses Signal ist besonders im Informatik-Bereich von unschätzbarer Bedeutung, da sich die Produktivität von unterschiedlichen Software-Entwicklern immens unterscheiden kann; vgl. hierzu den Begriff des „10x programmers“ (siehe z.B. http://antirez.com/news/112 [visited 2018-06-03T20:08:02Z]) aus der Programmier-Folklore. Ob es solche „10x programmers“ tatsächlich gibt, ist ein kontroverses Thema, zu dem ich bewusst keine Stellung nehmen will. Jedoch betrachte ich die Tatsache, dass es überhaupt zur Entstehung einer solchen Folklore kommen konnte, durchaus als starkes Indiz, dass in der Tat die Produktivität zwischen unterschiedlichen Software-Entwicklern sich sehr stark unterscheidet. Dementsprechend ist es von enormer Wichtigkeit, durch das Angeben des Gehaltes zu signalisieren, welches das erwartete Qualifikationsniveau ist.

Auch liefern Gehaltsinformationen ein sehr bedeutsames Signal über die Erwartungshaltung des Arbeitgebers an den (zukünftigen) Mitarbeiter, beispielsweise in Bezug auf selbständige Weiterbildung in der Freizeit.

Das Weglassen der Gehaltsinformation bedeutet ebenso durch die Blume, dass der Arbeitgeber Bewerbern skeptisch gegenübersteht, die wenig Lust auf (Gehalts-)Verhandlungen haben. Angesichts des immer wieder in den Medien postulierten Fachkräftemangels ist es für mich schon aus rein wirtschaftlichen Gründen (größere Auswahl an potentiellen Mitarbeitern) schwer nachzuvollziehen, wie man eine solche große Gruppe von Menschen explizit als „als Bewerber wohl eher unerwünscht“ deklarieren kann.

Dafür, dass nicht nur ich, sondern zahlreiche Menschen in informatiknahen Bereichen dies so sehen, mögen folgende Forenbeiträge im Heise- und Golem-Forum als Indikator dienen:

Daher: Es ist ein Unding, durch Weglassen von Gehaltsangaben Bewerber enorme Opportunitätskosten für die Bewerbung auf eine Stelle verschwenden zu lassen, nur um dann in der finalen Phase kurz vor Vertragsunterzeichung festzustellen, dass die Gehaltsvorstellungen von beiden Seiten zu weit auseinander liegen. Aus fast identischen Gründen (Personalkosten für Sichtung der Bewerbungen, Bewerbungsgespräche, ...) sollte sich das eigentlich auch kein wirtschaftlich denkender Arbeitgeber leisten können.